Das Kreuz mit der Ethik

von Viola Bernlocher – Süddeutsche Zeitung (Printausgabe) vom 08.12.2014

München - "Man erlebt Ethik nie als wirkliche Alternative", sagt Julian Fick, Bayerischer Landesschülersprecher, und lächelt. Er sitzt an diesem Samstag beim Ethik-Gipfel an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) auf dem Podium. Er weiß, dass er mit dieser Aussage auf die Frage, wie Schüler den Ethikunterricht erleben, offene Türen einrennt. Seit Jahren fordern Philosophie-Professoren und Vertreter des Fachverbands für Ethik eine Verbesserung der Situation in der Lehre des Schulfachs, das 1972 in Bayern als Alternative zum Religionsunterricht eingeführt wurde. Seitdem fristet es aber ein Stiefkinddasein. Unterrichtet wird es nämlich zu 95 Prozent fachfremd, also von Lehrern, die Ethik und Philosophie nicht an der Universität studiert haben. Dabei ist Ethik, wie Religion, ein Vorrückungsfach. In Zeiten einer Säkularisierung der Gesellschaft und der Zuwanderung ist aber eine Professionalisierung der Lehre bitter nötig, wie bei dem Treffen deutlich wurde.

Auf dem Gipfel wurde eine sogenannte Ethik-Agenda für eine Professionalisierung der Ethiklehrerausbildung in Bayern vorgestellt. Sie geht zurück auf eine Initiative der LMU in Kooperation mit anderen bayerischen Universitäten sowie dem bayerischen Landesverband Ethik. Seit 2002 gibt es zwar in Bayern ein Staatsexamen im Fach Ethik. Mit welcher Vorqualifikation die Studenten dafür zugelassen werden, liegt allerdings im Ermessen der Universität. Seit 2008 gibt es eine neue Lehrerprüfungsordnung, die vorsieht, dass Ethik auch als zweisemestriges Erweiterungsfach studiert werden kann. Dennoch gilt die alte Prüfungsordnung bis dato weiter. Auch für die Weiterbildung von Ethik-Lehrern gibt es außer für Gymnasien und Berufliche Oberschulen keine Pflicht, die Weiterbildung ist zudem oft nicht nach Schularten und Klassenstufen differenziert.

In anderen Bundesländern ist die Situation anders, in Schleswig-Holstein etwa ist Philosophie ein eigenständiges Schulfach. Es verwundert daher nicht, wenn Markus Tiedemann von der Freien Universität Berlin den Freistaat Bayern, was Ethik angeht, ein "Entwicklungsland" nennt. Dabei gehe es doch darum, einen systematischen Ort an Schulen anzubieten, um Schülern das philosophische Handwerkszeug zur Beurteilung aktueller, ethisch relevanter Situationen zu vermitteln.

Julian Nida-Rümelin, Philosophie-Professor an der LMU, plädierte für mehr ethische Bildung an Schulen allgemein, nicht nur als Ersatz für Religionsunterricht. "Ethik und Religion in Opposition zueinander zu sehen, das ist neben der Sache." Er betonte den Wert der Philosophie als Mutterwissenschaft, aus der alle Disziplinen entstanden seien, die aber gerade bei der Parzellierung der Wissensvermittlung, die in Schulen stattfinde, verbindend wirken könne. "Es muss uns gelingen, der alten humanistischen Idee vom selbst denken können wieder mehr Gewicht zu geben."

Irina Spiegel, Koordinatorin der Lehramtsstudiengänge Ethik an der LMU, stellte die neue Ethik-Agenda vor. Dieses Papier wurde im Juni von Wissenschaftlern um Christian Schröer von der Uni Augsburg, Organisator des Gipfels, und Julian Nida-Rümelin formuliert. Die Agenda fasst die Ist-Situation zusammen und stellt Forderungen, was zu tun sei, um die mangelhafte Situation zu verbessern. Sie fordert eine "Qualifikationsoffensive" für fachfremd unterrichtende Ethik-Lehrer, diese müsse an den Universitäten verankert sein und eine nach Schulart und Jahrgangsstufe differenzierte Weiterbildung bieten. Für die Lehrerausbildung selbst fordert das Papier, Ethik als Hauptfach in bayerischen Universitäten zu etablieren.

Das Papier ist auch als Forderung an die Bildungspolitik zu verstehen, endlich zu handeln, da die Vorgänger-Gipfel ohne größere Beachtung durch das Kultusministerium stattgefunden hatten, wie Christian Schröer kritisch anmerkte. Zu sehr wurde seiner Meinung nach Ethik als Ersatzfach für Religion gesehen, in einem Rundschreiben von 2009 an alle Schulen steht gar der Satz: "Bei Elterninformationen ist der Eindruck zu vermeiden, dass Religionslehre und Ethik zur Wahl gestellt sind."

Bildungs-Staatssekretär Georg Eisenreich stellte sich in der Podiumsdiskussion den Fragen des Moderators Jonas Lanig: "Warum leben Sie mit den 95 Prozent fachfremd unterrichtenden Lehrern?" Eisenreichs Antwort lautete: "Wir brauchen Qualität bei den Abschlüssen. Die Überlegung, wie man die steigern kann, ist wichtig. Das Fach Ethik wurde durch eine universitäre Prüfung aufgewertet. Und in Bayern unterrichten ausgebildete Lehrkräfte, die Weiterqualifizierung besteht als Möglichkeit."

Diese Aussage schien der Unterrichtswirklichkeit vieler Ethik-Lehrer im Publikum zu widersprechen. Es waren Widerworte zu hören, und im Anschluss an die Diskussion artikulierten einige Eisenreich gegenüber ihren Frust ob der aktuellen Situation.

Julian Nida-Rümelin wertete Eisenreichs Anwesenheit aber als positives Zeichen: "Ich habe den Eindruck, da ist was in Bewegung."